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Sebastian Kurtenbach

Erstens wächst die Bevölkerung in einigen deutschen Städten wie Köln oder Hamburg. Zu beobachten ist, dass auch der Flächenverbrauch pro Kopf wächst, da immer mehr Menschen in immer größeren Wohnungen leben wollen. Ergo, wir brauchen zusätzliche Wohnungen und Großsiedlungen haben schon einmal gezeigt, dass sie eine Entlastungsfunktion auf dem Wohnungsmarkt erreichen können. Dafür müssen wir gar nicht woandershin blicken, sondern nur in die Geschichte der Bundesrepublik und sehen, dass in den 1950er und 1960er Jahren in den meisten Städten eine starke Wohnungsnot herrschte, gegen diese die Wohnungsnot von heute eher schwächlich aussieht. Nunja, es wurden sogar die Mieten „eingefroren“ um den Markt nicht zu überhitzen. Nach und nach wurde in „Weißen Kreisen“ (Lücke Plan), in denen es dann genügen Wohnungen gab, die Marktmiete eingeführt, wenn der Wohnungsmarkt es zuließ. Doch dafür mussten Lösungen her und neue Wohnungen errichtet werden und zwar schnell. So besann man sich auf Konzepte der 1920er Jahren, die im Umfeld u.a. der Bauhaus Universität entstanden, den funktionalen, sachlichen (und günstigen) Städtebau. Mit Tafelbauweise sollten große Wohnkomplexe schnell und ressourcensparend gebaut werden. An den Rändern der Städte wurden die Siedlungen errichtet, die heute zum Teil als „seelenlos“ oder „Soziale Brennpunkte“ bezeichnet werden. Fakt ist aber auch, dass sie den jeweiligen Wohnungsmarkt deutlich entlasteten und so zu einer Normalisierung des Wohnungsmarktes beitrugen. Heute stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen. Die Forderungen nach einer Stadt für Alle und nicht nur für Reiche und leerer öffentlicher Kassen machen einen möglichst effizienten und umfangreichen Neubau, wie es Großsiedlungen eben ermöglichen, schlichtweg nötig. Sonst wird das Wohnen in der Stadt in Zukunft zum Luxus und vielleicht auch zum Statussymbol. Der Bau von Großsiedlungen führt demnach auch zu einer gerechteren, demokratischeren Stadt, da in ihr alle Wohnraum finde. Natürlich ist ein Bau auf der grünen Wiese nicht unbedingt erstrebenswert, aber es gibt in zahlreichen Kommunen noch Gelände die zwar nicht in der Innenstadt liegen, aber auch nicht am Rand, die bebaubar wären.

Zweitens sind Großsiedlungen Effizient und bieten einen Beitrag zum Klimaschutz. Kalte, nasse Winter, sehr heiße Sommer, extreme Wetterlagen. Der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen. Aber um das Klima zu schonen und dem Planet nicht noch mehr Schaden zuzufügen bedarf es einem bewussteren Umgang mit Ressourcen und das auch in den Städten und in der Siedlungsplanung. Ein Ausbau des ÖPNV hilft alleine nicht, sondern es bedarf dazu zum einen einer konsequenten Errichtung und Sanierung klimafreundlicher Gebäude und zum anderen einer Entsiegelung und Bepflanzung von Flächen. Großsiedlungen bieten für beides eine Chance. Durch die Ballung von Wohnraum können energetische Sanierungen in den bestehenden Immobilienkomplexen effizienter umgesetzt und der Flächenverbrauch (nicht verwechseln mit Wohnfläche!) gemindert werden. Hilft nicht nur der Haushaltskasse, sondern auch der Umwelt. Beim Neubau lassen sich solche Umweltstandards von Beginn an umsetzten: Viel Wohnraum, wenige Emissionen.

Großsiedlungen sind drittens familienfreundlich: Wo Einfamilienhäuser nebeneinander stehen werden Wege lang. Großsiedlungen gewährlisten dagegen kurze Wege für kurze Beine, weil dort Infrastruktureinrichtungen wie Kitas oder Schulen nie weit sind. Die Auslastung ist bei so vielen Menschen ja auch garantiert. Zudem bieten hohe Häuser den Komfort eines Aufzugs, was besonders Eltern mit Kinderwagen entgegen kommt. Doch auch für Ältere sind Großsiedlungen ein Vorteil, da Einkaufsmöglichkeiten immer noch zu erreichen sind und die Möglichkeit mit den Nachbarn in Kontakt zu treten, allein durch die Anzahl, einfacher ist. Damit bieten Großsiedlungen familienfreundliche Rahmenbedingungen, die es durch pädagogische Angebote zu flankierend gilt, zur Arbeit pendelt man ja ohnehin.
Ich hoffe die Darstellung der drei zentralen Punkte hat aufgezeigt, dass Großsiedlungen nicht per se schlecht sind, sondern ihr Vorteile haben. Ein pauschales Urteil über diese Wohn- und Bauform würde die Vorzüge ignorieren.

Quelle: https://stadtundmigration.wordpress.com/2015/07/05/wir-brauchen-neue-grossiedlungen

Über den Autor:

Sebastian Kurtenbach ist Doktorand am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität zu Köln, Mitarbeiter am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum und Lehrbeauftragter an der FH Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte in der Stadt- und Migrationsforschung sind: Kontexteffekte, Großsiedlungen und Neuzuwanderung aus Rumänien und Bulgarien.

Foto: www.chorweiler-panorama.de

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