Vor gut 15 Jahren formierte sich in unserem Stadtteil eine Bürgerinitiative, die sich später Interessengemeinschaft Blumenberg e.V. nannte. Unter den ersten Mitgliedern der jungen Vereinigung war eine ältere Frau mit schneeweißer, gut gepflegter Frisur – Vera van Beveren.
Als sie erfahren hatte, dass ich damals in einer Werbeagentur tätig war, kam sie auf mich zu und fragte mit charmantem Lächeln: „Alexander, kannst du mir bitte helfen, meine Todesanzeige zu aktualisieren?“
Diese Offenheit bei einem Thema, das für viele Menschen in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu ist, hat mich tief beeindruckt. Die damals gut 80-jährige Vera hatte ihre Anzeige als eine Treppe gestaltet, auf der ihre Lebensstationen verzeichnet waren und die nach oben offen blieb.
So begann unsere langjährige Freundschaft.
Vera hatte ein bewegtes Leben. Sie wurde in eine gut situierte bürgerliche Familie hineingeboren und erlebte als junges Mädchen die Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit. Ein Teil ihrer Familie war jüdischer Herkunft und sah sich gezwungen, Deutschland zu verlassen und auszuwandern. Die in Deutschland verbliebenen Familienangehörigen lebten in ständiger Angst, dass ihre jüdische Herkunft bekannt werden könnte.
Als Ehefrau eines Vorstandsmitglieds eines großen deutschen Konzerns reiste sie um die halbe Welt – von Marokko bis Brasilien. Sie sprach fließend Französisch und Englisch und arbeitete viele Jahre als freie Übersetzerin beim WDR.
Sie musste in ihrem Leben auch schwere Rückschläge hinnehmen. Als Folge der der Pleite der Lehman Brothers Bank und unglücklicher Geschäfte in Indien verlor sie viel Geld und schließlich auch ihre großzügige Wohnung im Kölner Stadtteil Junkersdorf. Im hohen Alter musste sie ihr altes Leben hinter sich lassen und in eine kleinere Wohnung im beschaulichen Blumenberg umziehen.
Sie war jedoch eine starke Frau, die nie ihren Lebensmut verlor. In Blumenberg lebte sie sich schnell ein und knüpfte neue Freundschaften. Jahrzehntelang war sie für die Pressearbeit der IG Blumenberg zuständig und gewann durch ihre authentische und intelligente Art viele gute Bekanntschaften in der lokalen Presse und in der Kölner Politik.
Ihre Wohnung in der Staffelsbergstraße war ein beliebter Treffpunkt für Freunde und Bekannte.
Wie sehr Vera auch über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus geschätzt wurde, zeigt eine Nachricht von C. Wittsack-Junge, der ehemaligen Bezirksbürgermeisterin, die Vera persönlich kannte. Nach ihrem Tod schrieb sie mir:
„Ihr Tod ist aber ein Verlust für alle Aktiven in Blumenberg. Schließlich hat sie sich trotz der nicht ganz freiwilligen Ortswahl sehr für die Interessen der Menschen in Blumenberg eingesetzt. Ich habe sie ja gerne als ‚Grande Dame von Blumenberg‘ bezeichnet, weil sie ihre inhaltlichen Positionen auf ihre unnachahmlich höfliche und freundliche Art erfolgreich vertreten konnte.“
Diese Bezeichnung gefällt mir sehr. Sie beschreibt Vera treffend. Sie konnte durchaus beharrlich und bestimmt für eine Sache eintreten, ohne dabei laut oder verletzend zu werden. Ihre Höflichkeit war keine Zurückhaltung, sondern eine besondere Form von Stärke.
Frau Wittsack-Junge schrieb außerdem, Vera habe in Blumenberg „eine zugeneigte und anerkennende Gemeinschaft mit viel Herzlichkeit gefunden“. Ich glaube, genau das beschreibt auch, was in diesen Jahren entstanden ist: Aus dem zunächst nicht freiwillig gewählten Wohnort wurde für Vera ein Zuhause – und aus Nachbarn wurden Freunde und Weggefährten.
Nun ist Vera van Beveren im Alter von 96 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Körperlich schon gebrochen, war sie mental bis zu ihren letzten Tagen klar. Sie war eine sehr aktive Persönlichkeit. Jedes Mal, wenn ich sie fragte, wie es ihr gehe, fing sie mit den Worten an: „Ach, Alexander, ich rotiere …“ Das war Vera: immer in Bewegung, immer mit etwas beschäftigt, immer mit einem Gedanken, einer Aufgabe oder einem Menschen, um den sie sich kümmern wollte.
Nun ist es still geworden.
Lebe wohl, liebe Vera. Ich hoffe, jetzt hast du deine Ruhe.
Und danke für alles, was du für unsere Gemeinschaft getan hast.
Alexander Litzenberger, Chorweiler-Panorama.de





