Der WDR erlaubt sich einen Patzer

Chorweiler
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Screenshot des WDR-Beitrages

Soziale Medien leben von Vereinfachungen. Man reduziert komplexe Zusammenhänge gerne auf knappe Zitate oder auf die Fläche einer Infografik und schon tritt man einen Hype los. Gestern veröffentlichte die Facebookseite der WDR Lokalzeit aus Köln eine Infografik. Auf grauem Quadrat sind zwei transparente rote Streifen zu sehen. Im oberen steht „März 2020 \ Lindenthal – hohe Inzidenz, Chorweiler – niedrige Inzidenz“. Im unteren Teil: „März 2021 \ Chorweiler – hohe Inzidenz, Lindenthal – niedrige Inzidenz“. Im Teaser zum Bild schreibt der WDR „Kölner aus Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund stecken sich derzeit deutlich öfter mit Corona an als Kölner aus eher wohlhabenden Veedeln. Zu Beginn der Pandemie war es genau andersrum. Das zeigt eine neue Studie der Stadt und des Fraunhofer-Instituts.“ Erst im Kommentar unter dem Bild wird die Quelle verlinkt.

Innerhalb von 19 Stunden gab es fast 430 Kommentare, das Bild wurde knapp 90 Mal geteilt. Man muss lange nach unten scrollen, um die gleich heftig diskutierten Themen zu finden.

120 Lachsmileys sprechen eine eindeutige Sprache: Dem WDR ist ein Patzer gelungen. Warum es am Beginn der Pandemie andersrum war, interessierte die wenigsten Kommentatoren. Zur Ehre der WDR-Fans auf Facebook – die große Mehrheit der Benutzer kritisiert die plakative Gegenüberstellung von zwei extrem unterschiedlichen Stadtteilen. Aber auch fremdenfeindliche Kommentare ließen nicht lange auf sich warten. Die „Sündenböcke“ wurden schnell identifiziert: Großfamilien. Selbst Erdogan musste bei manchen als Erklärung für die hohen Inzidenzzahlen in Chorweiler herhalten.

„Manchmal falle mitten in einer Krise ein helles Licht auf die Probleme in einer Gesellschaft“ zitierte die Tagesschau im Juli 2020 den führenden USA- Immunologen Anthony Fauci. Damit wollte er die Amerikaner auf die Erkenntnis aufmerksam machen, dass für die schwarzen und hispanischen Amerikaner eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit besteht, sich mit Corona zu infizieren, wie für ihre weißen Nachbarn. Die deutschen Medien bemühten sich auch um eine Erklärung. Als Gründe wurden, in der Regel, eine schlechte sozioökonomische Stellung der Schwarzen, häufige Vorerkrankungen, schlechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung erwähnt. Ferner wurde festgestellt, dass viele auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen seien und in Berufen arbeiten würden, die mit viel Kontakten verbunden sind. Dadurch fällt es vielen schwerer, Maßnahmen wie Social Distancing und Abstand zu befolgen.

Chorweiler ist vieles – ethnisch und kulturell sehr vielfältig, oft arbeitslos und arm. Chorweiler sind Hochhäuser, die im großen Teil erst in den letzten Jahren vernünftig instandgesetzt wurden. Es ist ein Stadtteil, in dem viele gerne wohnen, viele würden aber auch gerne wegziehen, haben aber aufgrund der dramatischen Situation auf dem Wohnungsmarkt keine Chance. Teilen im Stadtteil Lindental 3.901 Einwohner einen Quadratkilometer, so sind es in Chorweiler 6.795 Menschen (Stand 2014). Die Versorgung durch Hausärzte ist zwar gesichert, Fachärzte sind im ganzen Bezirk aber schon lange „Mangelware“. Auch Corona-Teststellen muss man hier lange suchen.

Als Reaktion auf die Studie will die Stadt mehr aufklären und mehr testen und dabei besonders die Schulen im Fokus halten. Das sind Maßnahmen, die in der aktuellen Situation eventuell eine schnelle Besserung der Inzidenzzahlen herbeiführen könnten. Langfristig gilt aber – die Stadt Köln muss sich noch intensiver um den Kölner Norden kümmern. Und die Medien mehr Rücksicht auf die soziale Schieflage in manchen Stadtteilen im Bezirk Chorweiler nehmen, sowie die Probleme dort tiefgründiger erläutern. Spaltung der Gesellschaft durch reißerische Botschaften in Sozialen Medien helfen in keiner Weise die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Alexander Litzenberger

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