Diskussion um die Klimawende – nur Panikmache?

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Als ich in meiner Pause bei der Hausaufgabenbetreuung in der Stadtbibliothek Chorweiler an einem Donnerstag im Sommer 2022 ein Gespräch mit einem Chorweiler Bürger an dem schönen neuen Tisch vor dem Bürgerzentrum über den Klimawandel hatte, bekam ich zu hören, dass die ganze Debatte um die Klima-erwärmung doch nur Panikmache sei, um uns Bürger zu manipulieren. Als studierter Physiker fing ich natürlich sofort an zu erklären, warum dies durchaus realistische Prognosen von einer Vielzahl von weltweit anerkannten Wissenschaftlern ist, die im Sachstandsbericht des IPCC1 veröffentlicht und auf den Klimakonferenzen diskutiert wird.

Karl-Heinz Kock: Das Zyklotron im ISKP der Uni Bonn. Es beschleunigt Atomkerne (z.B. Wasserstoff- oder Heliumkerne) auf hohe Energien. Eigene Aufnahme während meiner Diplomarbeit um 1968, als ich an einem Experiment an diesem Beschleuniger beteiligt war.

Darauf bekam ich zur Antwort, dass es doch viel wichtigere Themen gibt, als Klimaerwärmung; 2°C können doch nicht sehr viel ausmachen. Das soll doch nur davon ablenken, dass wir jetzt wegen dem Krieg in der Ukraine eine massive Inflation haben und die Leute nicht wissen, wie sie ihre Gas- und Stromrechnungen bezahlen und wovon sie leben sollen. Und dann die Ungerechtigkeit, dass immer mehr Menschen ärmer werden und einige wenige immer reicher.

Offensichtlich hat er der Einschätzung von anerkannten Wissenschaftlern nicht getraut. Dafür aber Problemfelder aufgeführt, die seiner Meinung nach viel wichtiger sind. In Diskussionen um gesellschaftliche Krisen und Missstände passiert mir Ähnliches immer wieder. Besonders schlimm war es in der Corona Pandemie. Der Grund für dies Verhalten ist, dass viele Menschen auch der Wissenschaft nicht zutraut, die Realität richtig zu verstehen. Dabei ist zumindest in den Naturwissenschaften seriöse Forschung das beste Mittel, das der Mensch besitzt, um die Wirklichkeit richtig verstehen zu lernen.

Man muss unter kontrollierten Bedingungen genau beobachten, wie sich die Dinge in der Realität verhalten (Experimente) und daraus die Naturgesetze ableiten. Naturgesetze sind im Prinzip mathematische Mo-delle von der Wirklichkeit, die mit Beobachtungen und Messungen (Experimenten) überprüft werden können. Es liegt in der Natur dieser Vorgehensweise, dass die Modelle, die sich die Wissenschaftler von der Natur machen, häufig erst einmal fehlerhaft oder sogar ganz falsch sind. Deswegen wiederholen andere Wis-senschaftler woanders auf der Welt die Überprüfung dieser Modelle mit gezielten Experimenten. Solche Experimente können sehr aufwendig sein und etliche Jahre dauern. Wenn das trotz vieler Versuche nicht gelingt, dann scheint das gefundene Modell die Realität ganz gut zu beschreiben und man kann das Modell für Vorhersagen gut verwenden.

Die Tatsache, dass man trotz intensiver Bemühungen mit verschiedensten Experimenten keinen Fehler in der Modellbeschreibung gefunden hat, bedeutet aber, dass man mit den Naturgesetzen nicht verhandeln kann – sie gelten immer, sogar im gesamten Kosmos. Eine Masse fällt bei uns auf der Erde immer nach unten (weil die große Erdmasse die kleine über die Gravitationskraft anzieht) und Licht breitet sich immer mit Lichtgeschwindigkeit aus. Das kann man nicht wegdiskutieren.

Und so ist es auch mit den Naturgesetzen, die hinter der Klimaerwärmung durch die Klimagase (CO2, Methan, u.a.) stehen. Die Modelle, die die Klimaerwärmung beschreiben sind in den letzten Jahr-zehnten so gut getestet worden, dass man ziemlich sicher mit ihnen vorhersagen kann, dass sich unsere Atmosphäre um viel mehr als 2°C erwärmen wird, wenn wir Klimagase weiter so in die Atmosphäre emittieren. Und die Modelle beschreiben auch sehr gut, was für Wetterextreme das bedeuten wird. Weil es sich hier um Naturgesetze handelt, kann man nicht politisch argumentieren, dass wir doch erst einmal etwas anderes tun oder retten müssen, bevor wir mehr gegen die Klimaerwärmung unternehmen, weil die ja erst später kommt.

Bild Martin Seitert: „Hochwasser in Altenahr Altenburg“ über Wikimedia-Commons aus https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_in_West-_und_Mitteleuropa_2021 vom 13.09.2022.

Die Klimaerwärmung wird aber die von der Wissenschaft vorhergesagten Folgen haben, und es sieht derzeit so aus, dass sie sogar schneller kommt, als vorhergesagt. Im Bild ist die Ahr, die normalerweise eher ein größerer Bach ist, im Juli 2021 durch einen dort noch nie dagewesenen extremen Starkregen zu einem reißenden Fluss angeschwollen . Deshalb ist die Dringlichkeit für die erforderlichen Maßnahmen, um die Klimagasemissionen ganz zu vermeiden, eben keine Panikmache! Die Probleme, die kultureller oder sozialer Natur sind (Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, …), kann man später in Ruhe bearbeiten, wenn wir zuallererst dafür gesorgt haben, dass die Menschheit überlebt. Kümmern wir uns erst z.B. um die Wirtschaft (Energie, Inflation), dann werden die Menschen später nur noch damit beschäftigt sein, mit den katastrophalen Folgen einer starken Klimaerwärmung fertig zu werden.

Fragen Sie sich doch mal, was Sie Ihren Enkeln in 50 Jahren sagen möchten, wenn diese Sie fragen was Sie getan haben, um den Klimawandel abzuwenden. Selbst die beste Analyse falscher Entwicklungen und Verhältnisse verändert ja an sich nichts. Und Empörung an sich verändert ja auch nichts.

Wortwolke. Karl-Heinz Kock

Nur wenn wir etwas tun, was auf moralische Intelligenz und moralische Ökonomie2 aufgebaut ist, wird sich etwas in Richtung dieser sozial-ökologischen Utopie, das Arkadien der zukünftigen Moderne, bewegen können: in eine Welt auf unserer Erde, die sich nicht durch permanentes Wachstum selbst zerstört, die auch unseren Enkeln eine lebenswerte Umwelt garantiert, wo die Menschen ihr Gemeinwohl durch Kooperation optimieren, wo die Natur und Umwelt gesund ist und die Artenvielfalt in ihr erhalten bleibt. Wo jeder sich frei und bequem überall hin bewegen kann, ohne damit die Welt zu zerstören (Mobilität) und vieles mehr. Werden Sie sagen können, dass sie mitgeholfen haben, diese sozial-ökologische Utopie anschaulich zu entwickeln, sodass die Menschheit ein Ziel vor Augen hat, wo sie hin möchte? Denn ohne ein Ziel kann man die Zukunft der Menschen nicht planen. Und weil Politik die Planung der Zukunft ist, kann die Politik die Menschen ohne eine Utopie nicht in eine lebenswerte Zukunft führen.

Werden Sie sagen können, dass Sie Widerstand geleistet haben gegen die bekannten etablierten Kräfte, die die alte expansive Wirtschaft zum eigenen Vorteil und bewusst auf Kosten der meisten anderen Menschen weiter betreiben wollten? Werden Sie sagen können, dass Sie, als sie noch in einer Demokratie lebten, alle ihre Möglichkeiten genutzt haben, um diese destruktiven, egoistischen und rücksichtslosen konservativen Kräften daran zu hindern unseren Blauen Planeten zu zerstören?

Ohne erstrebenswerte Utopien haben die Menschen nur das Gefühl, dass sich etwas ändern soll, ohne zu wissen, wo es hin geht; und das macht Angst. Dass sie auf vieles, an das sie gewöhnt sind, verzichten sollen, ohne zu sehen, was besser ist, entmutigt. Wenn die Menschen aber eine Utopie besitzen, die den meisten von ihnen sozial, ökologisch und wirtschaftlich erstrebenswert erscheint, werden sie mithelfen, diese Utopie zu verwirklichen. Auf diesem Wege wird es Rückschläge und Enttäuschungen geben. Aber die Menschen werden diese dann überwinden, weil sie ein Positives Ziel vor Augen haben. In Deutschland hat die Politik in den vergangenen Jahrzehnten keine Utopie entwickelt, weshalb wir jetzt etwas ratlos in die Zukunft schauen. Also lasst und eine solche sozial-ökologischen Utopie entwickeln, damit möglichst viele Menschen mitmachen. Aber dafür darf sich das Weltklima auf keinen Fall um mehr als 2°C erwärmen, sonst geht nichts mehr – das fordern die Naturgesetze, mit denen nicht verhandelt werden kann.

Gastbeitrag von Karl-Heinz Kock.

1 IPCC steht für zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change). Er erstellt für die Vereinten Nationen (UN) alle 5 bis 6 Jahre den Sachstandsbericht aus den wissnschaftlichen Ergebnissen aller relevanten Instituten.
2 Siehe Welzer, Harald: „Selbst Denken – eine Anleitung zum Widerstand“, Fischer Verlag, 2013
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Comments (1)

Herzlichen Dank für diesen nüchternen, die Dinge auf den Punkt bringenden Beitrag! Mir fällt es schwer zu verstehen, dass die seit Jahrzehnten veröffentlichten und sich immer stärker zur Wahrheit verdichtenden Fakten immer noch von viel zu wenig Menschen als solche wahrgenommen werden. Und so bleibt das vom Autor entworfene Szenario einer durch von einer kritischen Masse selbst geschaffenen moralisch ökonomischen Gesellschaft auf einem nicht zu warm gewordenen Planeten eine Utopie.
Das ist sehr dramatisch für unsere 5, 2 und 0,3 Jahre alten Enkel, wenn sich Millarden Menschen aus den dann unbewohnbaren dichtest besiedelten Teilen der Welt u.a. in Indien auf den Weg machen ihr blankes Leben zu retten.

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