Schulen im Notstand: Protest in Chorweiler

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Am Dienstag, dem 16. Mai gegen Mittag, herrschte in Chorweiler-Mitte ein Ausnahmezustand. Die Straßen um den Pariser Platz wurden von der Polizei teilweise gesperrt, Staus bildeten sich. Von allen Seiten strömten Hunderte von Kindern in Kolonnen auf den zentralen Platz in Chorweiler, mit Plakaten, Sprechchören und Trillerpfeifen. Erwachsene und ältere Schüler in gelben Westen sorgten für Ordnung. Um 13 Uhr begann die lange angekündigte Demo gegen die Schulmisere im Bezirk. Für knapp eine Stunde verwandelten circa 1.500 Kinder aus fünf Schulen des Kölner Nordens den Pariser Platz in einen bunten und lauten Schulpausenhof.

Auf der gegenüber dem Bürgerzentrum eingerichteten Bühne eröffneten Melanie von Vegesack und Philipp Meise die Protestaktion. Beide sind von der Schulpflegschafts des Heinrich-Mann-Gymnasiums (HMG) in Weiler und haben bei der Organisation der Demo maßgeblich mitgewirkt. Sie beriefen sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung und das Recht auf Bildung. Der Haupttenor der Rede war: „Die Zustände in unseren Schulen sind nicht mehr länger hinnehmbar!“ Die Sporthallen können teilweise nicht genutzt werden, etliche Sportgeräte seien defekt, dem Naturwissenschaftenunterricht fehlt eine zeitgemäße Ausstattung. In den Wintermonaten fallen die Heizungsanlagen oft aus, Toiletten sind in einem sehr unhygienischen Zustand. Es bestünde durch fehlende Fliesen Verletzungsgefahr, es fehlen IT-Infrastruktur und moderne Digitalisierungsmittel sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Als Beispiel für die „sinnlose Verbrennung“ der Gelder in Köln nannte Philipp Meise die Oper, deren Renovierung „unfassbare 900 Millionen Euro erreicht hat“.

Beide RednerInnen übten scharfe Kritik an der heutigen Politik im Bereich Bildung. Sie warfen der Stadtverwaltung vor, dass sie Journalisten, die das Anliegen unterstützen und kritisch über die Stadtverwaltung geschrieben haben, in der Berufsausübung behindert haben sollen: “Dies ist aus unserer Sicht ein handfester Skandal“.

Zum Schluss Ihrer Rede haben von Vegesack und Meise einen 12-Punkte-Forderungskatalog vorgelesen, den die beteiligten Schulen gemeinsam ausgearbeitet haben. Die Rede wurde immer wieder von tosendem Applaus oder lauten Buhrufen der Kinder unterbrochen.

Als nächster übernahm das Wort der Schulsprecher des HMG Garij Maruntselu. Er prangerte ebenfalls die schlechten Zustände in der Schule an und rief Schülerinnen und Schüler auf für ihre Rechte zu kämpfen.

Weitere Kinder betraten die Bühne und kritisierten unter anderem schlechtes WLAN und dauerhafte Baustellen.

Mattis Dieterich, Co-Vorsitzender der SPD im Stadtbezirk Köln-Chorweiler, durfte als einziger Politiker auf der Bühne auch eine Rede halten, – nicht zuletzt dank seiner aktiven Unterstützung der Aktion. In seiner Rede kritisierte der 22-Jährige die Schulpolitik in Köln und stellte große Fragen: „Wie viel sind uns unsere Kinder wert? Wie viel ist uns unsere Schule wert? Wie viel ist uns unsere Zukunft wert?“ Er forderte sofortiges Handeln der Politik und der Stadtverwaltung, um die Situation der Schulen in Köln nachhaltig zu verbessern.

Die Organisatoren überreichten den 12-Punkte-Forderungskatalog stellvertretend an den Fraktionsvorsitzenden Klaus Roth von Die Linke in der Bezirksvertretung, da der Bezirksbürgermeister Reinhard Zöllner (CDU) wohl nicht auf die Einladung die Demo zu besuchen, reagiert hat.

Den musikalischen Rahmen der Demo haben Manuel Flintrop, Jörg Ritzenhof und Marcus Rummel gestaltet. HMG-Lehrer Rainer Tack hat das Mottolied komponiert.

“Die Situation ist so schlimm, dass die Kinder gar nicht mehr auf die Toilette gehen. [..]  Die Kinder sind so viele Stunden in der Schule, es wäre schön unter anderen Umständen zu lernen.”

Sabine Köskeroglu, Mutter von zwei Schülern an der HMG.

Zum Schluss versprachen die Demoteilnehmer, dass sie weiterhin explizit die Entwicklung der Situation Bildung im Kölner Norden beobachten werden und, wenn nötig, die nächste Aktion vor dem Kölner Stadtrat organisieren würden.

Die Veranstaltung verlief unter starker Polizeipräsenz störungsfrei und friedlich.

Alexander Litzenberger

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Comments (1)

Ich habe die Dokumentation und die 12 Forderungen am Tag nach der Demonstration dem Beigeordneten der Stadt für Bildung, Jugend und Sport, Herrn Robert Voigtsberger überreicht. Er hat der Schulpflegschaft eine Antwort versprochen.

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